Durch ihre einzigartige und komplexe Zusammensetzung versorgt Muttermilch Säuglinge mit allen lebenswichtigen Nährstoffen für eine gesunde Zukunft. Sie setzt sich aus über zweihundert Bestandteilen zusammen und besteht zu 87,5 Prozent aus Wasser. Die weiteren 12,5 Prozent beinhalten lebenswichtige Mikro- sowie Makronährstoffe. Die Muttermilch ist ein wahres Wunderwerk der Natur:

  • sie stärkt das Immunsystem des Säuglings

  • sie schützt vor Infektionen1

  • sie senkt das Risiko für Allergien sowie spätere Krankheiten wie Diabetes und Übergewicht1,2

Welche Inhaltsstoffe sind in der Muttermilch vorhanden?

Muttermilch ist einzigartig

Nukleotide

Nukleotide sind strukturelle Komponenten der Nukleinsäuren (DNA und RNA). Sie werden für Wachstum und Entwicklung benötigt. Neben der Eigensynthese können Nukleotide auch über die Nahrung aufgenommen werden. Die in der Muttermilch enthaltenen Nukleotide sind daher in Phasen raschen Wachstums besonders wichtig für die Entwicklung des Babys.3 Neuere Forschungsarbeiten weisen darauf hin, dass Nukleotide das Immunsystem stimulieren,5,6,9 die LCP-Bildung positiv beeinflussen10 und an der Reifung des kindlichen Verdauungstrakts beteiligt sind.3,5

Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren

LCP sind langkettige, mehrfach ungesättigte Fettsäuren, die in der Muttermilch vorkommen und Bausteine in allen Membranen des menschlichen Körpers sind.

  • Darunter haben die DHA – eine Omega-3-Fettsäure – und die AA – eine Omega-6 Fettsäure – den mengenmäßig größten Anteil in Muttermilch.11 Sie sind besonders in den ersten Lebensmonaten wichtig, da sie von Säuglingen noch nicht ausreichend selbst gebildet werden können.7

  • DHA und AA werden in der Perinatalzeit vermehrt in die Membranen des Gehirns, des Nervensystems und der Netzhaut eingebaut und sind somit wichtig für die kognitive Entwicklung und das Sehvermögen.7

Prebiotika

Muttermilch enthält prebiotische Oligosaccharide (HMOs = humane Milch-Oligosaccharide).8 Diese unverdaulichen Ballaststoffe dienen den Probiotika als Nahrung und tragen somit zum Aufbau einer gesundheitsfördernden, bifidusdominanten Darmmikrobiota bei.9 Eine bifidusdominante Darmmikrobiota hat einen positiven Einfluss auf das Immunsystem.9

Lebende Mikroorganismen (Probiotika)

Muttermilch enthält 10^3 bis 10^5 koloniebildende Einheiten lebender Bakterien pro Milliliter – darunter sind Bifidusbakterien und Lactobacillen. Die Relevanz und physiologischen Effekte auf Mutter und Kind werden derzeit noch erforscht. Sie scheinen aber einen wichtigen Faktor beim Aufbau der kindlichen Darmflora darzustellen. Das bakterielle Muster der Muttermilch unterliegt einer hohen inter-individuellen Variabilität. Perinatale Faktoren beeinflussen die bakterielle Besiedlung der Muttermilch und damit die Zusammensetzung der Darmflora des Kindes.12,13 Zu den perinatalen Einflussfaktoren gehören:

  • Die Ernährung der Mutter

  • Antibiotikabehandlungen bei der Mutter

  • Gesundheitsstatus der Mutter (Allergien, Übergewicht)

  • Stress

  • Genetische Faktoren (sekretor Status)

  • Gestationsalter des Kindes

  • Geburtsmodus

  • Laktationsphase

  • Ernährung des Kindes

Mikronährstoffe in Muttermilch

Vitamine aus der Muttermilch

Vitamine sind an zahlreichen Stoffwechselprozessen im Körper beteiligt, zum Beispiel Vitamin A für das Wachstum und die Entwicklung der Haut, das Sehvermögen sowie der Funktion des Immunsystems. Muttermilch enthält alle für den Säugling wichtigen Vitamine in bedarfsdeckenden Mengen mit Ausnahme von Vitamin D und Vitamin K:

  • Vitamin D sollte im 1. Lebensjahr zur Rachititsprophylaxe in Form eines Supplementes gegeben werden (400 IE pro Tag). Die Prophylaxe sollte im 2. Lebenshalbjahr in den Wintermonaten fortgesetzt werden.

  • Bei den ersten drei Untersuchungen des Säuglings nach der Geburt bis zur 7. Lebenswoche erfolgt eine Supplementierung von Vitamin K von jeweils 2 mg, um Vitamin K Mangel-Blutungen vorzubeugen. Denn Vitamin K ist wichtig für die Blutgerinnung.

In Muttermilch enthaltene Mineralstoffe

Muttermilch enthält eine Vielzahl an Mineralstoffen, unter anderem auch Calcium und Phosphor. Diese beiden Mineralstoffe kommen in Muttermilch in einem Verhältnis von 2:1 vor und bilden zusammen das für die Knochenbildung wichtige Apatit.

Spurenelemente aus der Muttermilch

Neben einigen anderen Spurenelementen ist Eisen wichtig für die Bildung der roten Blutkörperchen und damit für den Sauerstofftransport im Blut, sowie für die Gehirnentwicklung. Muttermilch enthält relativ wenig Eisen, es ist jedoch besonders gut bioverfügbar.

Weitere wichtige Spurenelemente sind:

  • Selen, das die Zellen vor freien Radikalen schützt.

  • Chrom und Zink, die an verschiedenen Wachstums- und Stoffwechselvorgängen beteiligt sind.

Makronährstoffe in Muttermilch

Kohlenhydrate aus der Muttermilch

Das einzige energieliefernde Kohlenhydrat in Muttermilch ist Lactose mit einem Gehalt von 53-61 g/l. Daneben enthält Muttermilch Oligosaccharide (HMOs) in einer Menge von 12-15 g/l.16 Es gibt viele verschiedene HMOs in der Muttermilch, die sich durch ihre einzigartige Struktur auch funktionell unterscheiden.17 Bisher konnten etwa 130 HMOs in ihrer Struktur charakterisiert werden. Nicht jede Mutter produziert das gleiche Muster an HMOs, die Zusammensetzung in der Muttermilch ist individuell verschieden. Es gibt sowohl kurz- als auch langkettige Oligosaccharide, wobei die kurzkettigen Oligosaccharide überwiegen; das Verhältnis beträgt tatsächlich 9:1.

In Muttermilch enthaltene Fette

Fette fungieren als Energiespeicher und als strukturelle Komponenten von Zellmembranen. Fette beinhalten auch Fettsäuren, die für den Menschen essentiell sind:

  • Alpha-Linolensäure (eine Omega-3-Fettsäure)

  • Linolsäure (eine Omega-6-Fettsäure).

Diese können vom Körper nicht selbst synthetisiert und müssen daher mit der Nahrung aufgenommen werden. Sie fungieren als Vorläufer der langkettigen, mehrfach ungesättigten Fettsäuren, LCPs. Muttermilch enthält zudem viele von den wertvollen LCPs. Den mengenmäßig größten Anteil machen DHA (Docosahexaensäure) und AA (Arachidonsäure) aus.

Proteine in der Muttermilch

Viele Proteine haben funktionelle Aufgaben zum Beispiel:

  • Als Transportproteine wie Lactoferrin und Eisenbindungsprotein

  • Antikörper wie sIgA

  • Wachstumshormone

  • Enzyme wie Lysozym

  • Immunfaktoren wie Interleukine14,15

Der Proteingehalt reifer Muttermilch liegt bei 9-10 g/l und das Verhältnis von Molkenproteinen zu Caseinen beträgt 60:40. Neben den Proteinen mit funktionellen Aufgaben, liefern nutritive Proteine Aminosäuren für die körpereigene Proteinbiosynthese und damit für das Wachstum.

Wie wirkt sich die Zusammensetzung der Milch auf Säuglinge aus?

Forscher*innen der University of Western Australia, Crawley, haben herausgefunden, dass die Menge, die Säuglinge trinken, vom Proteingehalt in der Muttermilch beeinflusst wird.

In dieser Studie wurde über einen Zeitraum von vierundzwanzig Stunden die Konzentration an Makronährstoffen der Muttermilch von fünfzehn Müttern untersucht und in Relation zur Anzahl der Stillmahlzeiten gesetzt.

Veränderungen der Muttermilchzusammensetzung

Die Muttermilchzusammensetzung und Anzahl der Stillmahlzeiten waren, wie erwartet, von Mutter zu Mutter beziehungsweise von Kind zu Kind sehr unterschiedlich. Weiterhin veränderte sich innerhalb der vierundzwanzig Stunden der Fettgehalt der Muttermilch, während die Eiweiß- und Laktosegehalte konstant blieben.

Entscheidend war aber, dass die in vierundzwanzig Stunden aufgenommene Menge an Eiweiß (Gesamteiweiß, Casein und Molkenprotein) umgekehrt proportional zur Anzahl der Stillmahlzeiten lag. Die aufgenommene Menge an Laktose verhielt sich dagegen proportional zur Anzahl der Stillmahlzeiten. Keinen Effekt zeigten die aufgenommenen Fett- und Energiemengen. Die Forscher ziehen den Schluss, dass die Milcheiweißaufnahme einen regulierenden Effekt auf den kindlichen Appetit hat und damit die Anzahl der Stillmahlzeiten nach oben und unten beeinflussen kann.

In Welchem Zusammenhang stehen die Ernährung und Muttermilch?

Die Ernährung der Mutter wirkt sich in Bezug auf manche Nährstoffe auf den Nährstoffgehalt in der Muttermilch aus. Dies gilt zum Beispiel für DHA. Aus diesem Grund wird stillenden Frauen empfohlen zweimal wöchentlich Meeresfisch zu verzehren, davon mindestens einmal wöchentlich fettreichen Fisch wie Hering, Makrele, Lachs, Sardine (Koletzko et al. 2016).  Säuglinge, die nicht gestillt werden können, sollten in den ersten Lebensmonaten eine Nahrung bekommen, die die wichtigen LCPs DHA und ARA enthält.

Literaturverzeichnis

Quellen: 

1 Hörnell A, et al. 2013. Food Nutr Res 75 doi: 10.3402/fnr.v57i0.21083. Print 2013.

2 Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Stellungnahme der Nationalen Stillkommission vom 16. Juli 2012.

3 Jochum F, (2013). Ernährungsmedizin Pädiatrie. Springer Medizin, 2. Auflage.

4 Carver JD, et al. 2000. Pediatrics 88: 359-63.

5 Carver JD, 1999. Acta Paediatr Suppl 88 (430): 83-88.

6 Pickering LK, et al. 1995. Pediatr Res 37: 131A.

7 Koletzko B, et al. 2008. J Perinat Med 36 (1): 5-14.

8 Martin R, et al. 2003. J Pediatr 143: 754-8.

9 Carver JD, et al. 1991. Pediatrics 88: 359-63.

10 Gil A, et al. 1988. Eur J Clin Nutr 42: 473-81.

11 Brenna JT, et al. 2007. Am J Clin Nutr 85 (6): 1457-64.

12 Cabrera-Rubio R, et al. 2016. Journal of Developmental Origins of Health and Disease 7 (1): 54-60.

13 Cabrera-Rubio R, Collado C, 2012. Am J Clin Nutr 96 (3): 544-51.

14 Brandtzaeg PE, 2002. Ann N Y Acad Sci 964: 13-45.

15 Stahl B, et al. 1994. Anal Biochem 223: 218-26.

16 Kunz C, et al. 2000. Annu Rev Nutr 20: 699-722.

17 Thurl S, et al. 2010. Br J Nutr 104; 1261-71

Biesalski HK, Fürst P, Kasper H, Kluthe R, Pölert W, Puchstein Ch, Stähelin HB: Ernährungsmedizin. Kapitel 17, 224-230, Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1999; Schmidt E, Schmidt N: Leitfaden Mikronährstoffe. Kapitel 2, 318-339 (5.1.), 3, 370-400 (5.2.). Urban & Fischer Verlag; München, Februar 2004. 

Carnielli V P, Wattimena D J L, Luijendijk I H T, Boerlage A. The very low birth weight premature infant is capable of synthesizing arachidonic and docosahexaenoic acids from linoleic and linolenic acids. Pediatr Res 1996;40:169. 

Crawford M A. Are deficits of arachidonic and docosahexaenoic acids responsible for the neural and vascular complications of preterm babies?. Am J Clin Nutr 1997;66:1032S-41S.  

EFSA . Scientific Opinion on the substantiation of a health claim related to alpha-linolenic acid and contribution to brain and nerve tissue development pursuant to Article 14 of Regulation (EC) No 1924/2006. EFSA Journal 2011;9:2130 1-8. 

Field C J. Lower proportion of CD45R0+ cells and deficient interleukin-10 production by formula-fed infants, compared with -fed, is corrected with supplementation of long-chain polyunsaturated fatty acids.. J Pediatr Gastroenterol Nutr 2000;31:291-9. 

Jorgensen M H. Effect of formula supplemented with docosahexaenoic acid and gamma-linolenic acid on fatty acid status and visual acuity in term infants. J Pediatr Gastroenterol Nutr 1998;26:412-21. 

Koletzko B, Lien E, Agostoni C, Böhles H, Campoy C, Cetin I, Decsi T, Dudenhausen J W, Dupont C, Forsyth S, Hoesli I, Holzgreve W, Lapillonne A, Putet G, Secher N J, Symonds M, Szajewska H, Willatts P, Uauy R. The roles of long-chain polyunsaturated fatty acids in pregnancy, lactation and infancy: review of current knowledge and consensus recommendations. J Perinat Med 2008;36:5–14. 

Koletzko B, Carlson S, E, van Goudoever J, B: Should Infant Formula Provide Both Omega-3 DHA and Omega-6 Arachidonic Acid? Ann Nutr Metab 2015;66:137-138. 

Koletzko B, Bauer CP, Cierpka M, Cremer M, Flothkötter M, Graf C, Heindl I, Hellmers C, Kersting M, Krawinkel M, Przyrembel H, Vetter K, Weißenborn A, Wöckel A. Ernährung und Bewegung von Säuglingen und stillenden Frauen. Aktualisierte Handlungsempfehlungen von „Gesund ins Leben – Netzwerk Junge Familie“, eine Initiative von IN FORM. Monatsschrift Kinderheilkunde 2016; 164(9): 765-789. 

Salem Jr N, Wegher B, Mena P, Uauy R. Arachidonic and docoahexaenoic acids are biosynthesized from their 18carbon precursors in  infants. Proc Natl Acad Sci 1996;93:49.

Khan S, Hepworth AR, Prime DK, Lai CT, Trengove NJ, Hartmann PE. Variation in fat, lactose, and protein composition in breast milk over 24 hours: associations with infant feeding patterns. J Hum Lact. 2013;29:81-9.

Originalarbeit unter: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22797414