Wenn eine Schwangere stark von ihren Ängsten und Sorgen absorbiert ist, wird es ihr schwerfallen, ihre Aufmerksamkeit auf den Kontakt zu ihrem ungeborenen Kind zu lenken. Als Hebamme können Sie der Frau den Raum geben, sich mit ihren Ängsten zu zeigen – und ihr dadurch die Tür zum Hier und Jetzt, zu ihren Körperempfindungen und zu ihrem Baby zu öffnen. Dafür ist der Geburtsvorbereitungskurs ein guter Rahmen.

Wie kann Bindungsförderung im Geburtsvorbereitungskurs gelingen?

Ermutigen Sie die Frauen, Ihnen davon zu erzählen, was sie aktuell beschäftigt. Achten Sie darauf, wirklich zuzuhören und nicht vorschnell in einen „Lösungsmodus“ zu verfallen. Je weniger Sie selbst den Anspruch an sich verspüren, auf alle Äußerungen eine Antwort geben oder eine Lösung finden zu müssen, umso empathischer können Sie mitfühlen, was die Schwangeren umtreibt. Dieses empathische Mitfühlen ist es, was die Frauen als stärkend und unterstützend erleben.
Sie schaffen damit zugleich ein Feld, in dem die gegenseitige Offenheit und Verbundenheit der Teilnehmerinnen untereinander gestärkt wird. Aus den Erzählungen der Mütter in meiner Praxis weiß ich: Wenn während des Geburtsvorbereitungskurses eine Bindung zwischen den Schwangeren entsteht, ist diese oftmals von besonderer Intensität und Dauer. Der emotionale Rückhalt, den die Frauen in der Gruppe erfahren, wird ein Teil des Netzes, das sie trägt. Ein weiterer wichtiger Aspekt der Bindungsförderung!

Vorbereitung auf die Geburt

Viele Schwangere interessieren sich ganz besonders für die bevorstehende Geburt und alles, was damit zusammenhängt. Verzichten Sie dennoch nicht auf Kursinhalte wie Stillen, Erstausstattung und Babypflege! Diese Themen werfen Anker in die Zukunft und katapultieren die Frauen in eine Zeit, in der sie den Schritt von der Schwangeren zur frischgebackenen Mutter bereits gemeistert haben werden. Das gedankliche Vorwegnehmen, wie das künftige Leben mit Baby aussehen könnte, hilft den Frauen dabei, sich innerlich auf eine Verbindung zum Ungeborenen einzulassen.

Kontakte schaffen

Eine gute Idee ist es, werdenden Müttern den Kontakt zu Frauen zu ermöglichen, die bereits geboren haben. Wenn der Geburtsvorbereitungskurs in Räumlichkeiten stattfindet, in denen auch Veranstaltungen für Eltern mit Baby durchgeführt werden, ergeben sich ganz natürliche Kontaktpunkte, zum Beispiel im Wartebereich.

Als Kursleitende können Sie das Kennenlernen unterstützen, indem Sie eine Pinnwand mit „Kontaktgesuchen“ aufhängen. Meine Erfahrung ist, dass viele Frauen solche Angebote mit großem Interesse aufnehmen – besonders diejenigen, denen es nicht so leichtfällt, sich im Gruppenkontext zu öffnen und den ersten Schritt auf andere zuzugehen.

Tipps für den Geburtsvorbereitungskurs

  • Regen Sie die Frauen dazu an, vor oder nach einem Kurstermin gemeinsam etwas zu unternehmen, und informieren Sie „Neuzugänge“ über bestehende Aktivitäten.

  • Vielleicht mögen Sie interessierten Schwangeren anbieten, in einem Elternkurs zu hospitieren? Gerade für Erstgebärende kann das sehr anregend sein und die Hinwendung zum eigenen Kind unterstützen helfen.

  • Kennen Sie eine Mutter, die Freude daran hätte, anderen werdenden Eltern von den eigenen Erfahrungen zu erzählen? Laden Sie sie in den Geburtsvorbereitungskurs ein und führen Sie mit ihr ein kurzes „Interview“.

  • Schön ist es, wenn auch Fragen aus der Gruppe an die Mutter gestellt werden dürfen. Moderieren Sie diese „Fragestunde“, indem Sie besonders darauf achten, dass die Äußerungen wertfrei sind und persönliche Erlebnisse in der Ich-Form geschildert werden (eine gute Übung fürs spätere Eltern-Sein!).

  • Ein Fazit Ihrerseits am Ende des Interviews kann dabei helfen, die wesentlichen Erfahrungen herauszustellen.

  • Die Botschaft „Mutterwerden ist nicht immer einfach, aber machbar!“ hilft den Schwangeren dabei, realistische Erwartungen zu entwickeln und sich auf die bevorstehende Veränderung einzustellen.

Geburtserfahrung aufarbeiten

Was können Sie tun, wenn eine Kursteilnehmerin durch eine vorausgegangene Geburtserfahrung spürbar belastet ist? Hier kommt es darauf an, die schwierige Situation der betroffenen Frau zu würdigen. Spielen Sie nicht herunter, was sie erlebt hat, und geben Sie der Wut und Trauer einen angemessenen Platz. Vielleicht werden Sie den Impuls verspüren, die Schilderungen der Frau begrenzen zu wollen, um den Kursrahmen nicht zu sehr zu strapazieren. Oftmals gibt hier die Gruppe selbst einen wichtigen Impuls: Die Anteilnahme der anderen Frauen tut der Betroffenen gut und setzt im Kurs oft den notwendigen Punkt zum Durchatmen.

Tipp für den Umgang mit Geburtserfahrungen

Damit es nach einem heftigen Ausdruck starker Emotionen weitergehen kann mit der Vermittlung und Verarbeitung von Inhalten, tut es gut, wenn Sie als Kursleitende für eine Pause sorgen:

  • Setzen Sie das Gespräch mit der Betroffenen unter vier Augen fort, wenn Sie den Eindruck haben, dass es noch etwas braucht, um sie wieder in das Hier und Jetzt des Kursgeschehens zurückzubringen.

  • Eine kleine Bewegungseinheit und frische Luft im Kursraum helfen allen Teilnehmerinnen dabei, in einen anderen Zustand zu kommen.

Von einem Geburtstrauma betroffene Frauen sind meist erleichtert, wenn sie die Rückmeldung bekommen, dass es für ihre Schwierigkeiten nicht nur eine Erklärung, sondern auch ein spezielles Hilfsangebot gibt: Vermitteln Sie den Kontakt zu einer niedergelassenen Therapeutin oder einer Beratungsstelle vor Ort. Und versorgen Sie auch die anderen Frauen im Geburtsvorbereitungskurs mit dieser Information – sie könnte zu einem späteren Zeitpunkt nützlich werden!