Allergische Erkrankungen breiten sich weiter aus – immer mehr Menschen bekommen Nahrungsmittelallergien, atopische Dermatitis, allergische Rhinitis und allergisches Asthma. Man schätzt die Prävalenz weltweit auf 30 bis 40% (Pawankar, et al. 2011). Auch Säuglinge sind von diesem Trend betroffen und leiden besonders unter den Symptomen von Nahrungsmittelallergien (Vandenplas, et al. 2014).

Um diesem Trend entgegenzuwirken, sucht die aktuelle Forschung nach neuen Wegen, das Risiko einer Allergieentstehung zu verringern. Dies ist besonders in den ersten 1.000 Lebenstagen wichtig, denn in dieser Zeit entwickelt sich die Darmflora und es werden grundlegende Weichen für die gesamte spätere Gesundheit gestellt (God frey, et al. 2010). Das Risiko, im Laufe des Lebens eine Allergie zu entwickeln, ist von mehreren Faktoren abhängig. Einen großen Einfluss hat die genetische Disposition. Sie ergibt sich aus der Anzahl der direkten Verwandten des Neugeborenen, die bereits eine Allergie haben (Muche-Borowski, et al. 2009).

Weiterhin können äußere Faktoren das Allergierisiko erhöhen. Dazu gehören:

  • Ernährung (Muttermilch oder Formulanahrung)

  • Gestationsalter

  • Art der Geburt (vaginal oder Kaiserschnitt)

  • Antibiotikabehandlung

  • Luftverschmutzung

  • Art und Zeitpunkt der Beikosteinführung

Sie beeinträchtigen die bakterielle Zusammensetzung der Darmflora und bringen sie aus dem Gleichgewicht (Dysbiose). Dieses Ungleichgewicht entsteht durch eine geringere Anzahl von positiven Bakterien, wie z.B. Bifidobakterien (Azad, et al. 2015, Kirjavainen, et al. 2002).

Ansätze in der Allergieprävention

Die Allergieprävention hat bei Kindern mit erhöhtem Allergierisiko eine hohe Bedeutung. Die Ernährung  spielt dabei eine zentrale Rolle. Im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte wurde insbesondere untersucht, inwieweit Stillen, HA-Nahrungen, die mütterliche Ernährung in Schwangerschaft und Stillzeit sowie Art und Zeitpunkt der Beikosteinführung eine Allergieentwicklung beeinflussen. Im Rahmen des Aktionsbündnisses Allergieprävention (abap) wurde im Jahr 2004 die erste S3-Leitlinie zur Allergieprävention veröffentlicht, die 2009 und zuletzt 2014 überarbeitet wurde.

Die Empfehlung der Elimination von Allergenen im Säuglingsalter gehört der Vergangenheit an. Der aktuelle Ansatz heißt multifaktorielle Allergieprävention. Trotz zahlreicher Maßnahmen ist die Allergierate in Deutschland in den letzten drei Jahrzehnten nicht gesunken. Bei fast jedem dritten Erwachsenen tritt im Laufe des Lebens mindestens eine allergische Erkrankung auf1,2 und bei jedem vierten Kind wird eine atopische Erkrankung festgestellt3.

Die Bedeutung des Stillens

Im Zusammenhang mit der Darmflora und dem Immunsystem spielt die frühkindliche Ernährung eine Schlüsselrolle (Lozupone, et al. 2012). Muttermilch ist die beste Ernährung für Neugeborene und versorgt das Kind mit allen wichtigen Nährstoffen (WHO 2017). Gestillte Säuglinge profitieren von der allergiepräventiven Wirkung der Muttermilch, denn sie führt schon wenige Tage nach der Geburt zu einer Dominanz von wünschenswerten Bifidobakterien (Yoshioka, et al. 1983) und fördert eine effektive Darmbarriere und orale Toleranz (Munblit & Verhasselt 2016, Tawia 2015).

Die protektiven Eigenschaften der Muttermilch entstehen durch eine Vielzahl ihrer Inhaltsstoffe. Die aktuelle Forschung zeigt, dass insbesondere die hohe Diversität und die Menge an unverdaulichen Oligosacchariden und Bakterien die Ausbildung einer gesunden Darmflora fördern (siehe Kasten) (Walker & Iyengar 2015).

Laut aktueller S3-Leitlinie zur Allergieprävention bei Säuglingen trägt ausschließliches Stillen in den ersten vier Lebensmonaten dazu bei, bereits früh im Leben das Risiko einer Allergieentstehung zu verringern4. Wenn Säuglinge nicht oder nicht ausschließlich gestillt werden, stand in der Vergangenheit bei HA-Säuglingsanfangsnahrungen durch den Einsatz von Eiweißhydrolysaten die Reduktion des allergenen Potenzials im Vordergrund. Heute wird vermehrt ein multifaktorieller Ansatz verfolgt.  Die Forschung fokussiert sich derzeit auf die Identifizierung möglicher Einflussfaktoren auf das Immunsystem und deren allergiepräventive Wirkmechanismen. Die aktuelle S3-Leitlinie zeigt auf, welche äußeren und alimentären Faktoren das Immunsystem beeinflussen4.

Multifaktorielle Allergie Prävention

Äußere Faktoren der multifaktoriellen Allergieprävention4,5:

  • Vermeidung von Tabakrauchexposition

  • Meidung von Luftschadstoffexposition

  • Vermeidung von schimmelpilzförderndem Raumklima

  • Wahl des Geburtsverfahrens (Kaiserschnitt kann Asthmarisiko erhöhen)

  • Vermeidung der Neuanschaffung einer Katze im Haushalt (bei Risikokindern)

  • Impfung nach Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO)

Alimentäre Faktoren der multifaktoriellen Allergieprävention4,5:

 

  • Ausschließliches Stillen mindestens in den ersten 4 Lebensmonaten

  • Ausgewogene Ernährung der Mutter inkl. Fisch während Schwangerschaft und Stillzeit

  • Hydrolysierte Säuglingsanfangsnahrung (HA Nahrung) für nicht oder nicht voll gestillte Risikokinder

  • Beikosteinführung ab Beginn 5. Monat bis Beginn 7. Monat inkl. Fisch

  • Vermeidung von Übergewicht

Muttermilchersatznahrung bei Risikokindern

Für den Zeitraum der ersten vier Lebensmonate wird in der  S3-Leitlinie zur Allergieprävention  die Verwendung von hydrolysierter Säuglingsnahrung bei Risikokindern empfohlen, wenn diese nicht oder nicht ausreichend gestillt werden. Sojabasierte Säuglingsnahrungen werden zum Zweck der Allergieprävention nicht empfohlen.

Beikosteinführung und Allergieentwicklung

Nur wenige Studien haben den Zeitpunkt der Beikosteinführung als unabhängigen Risikofaktor für die Entwicklung allergischer Erkrankungen untersucht. Nach Auswertung der vorliegenden Studien zeigt sich, dass eine Beikosteinführung vor dem vierten Lebensmonat mit einem höheren Risiko der atopischen Dermatitis einhergeht, aber nicht des Asthmas– untersucht bis zu einem Alter von zehn Jahren.

Die S3-Leitlinie zur Allergieprävention gibt folgende Empfehlungen zur Einführung von Beikost:

  • Einführung der Beikost nicht vor dem vollendeten 4. Lebensmonat, am besten schrittweise innerhalb des Zeitfensters 5. bis 7. Lebensmonat und dabei weiterstillen

  • keine Verzögerung der Beikosteinführung über den Beginn des 5. Lebensmonats hinaus aus Gründen der Allergieprävention

  • keine Meidung potenzieller Nahrungsmittelallergene wie Milch, Weizen (Gluten) und Fisch nach dem Beginn des 5. Lebensmonats auf eine ausgewogene und bedarfsgerechte Ernährung des Kindes achten

  • Vermeiden von Übergewicht aufgrund eines Zusammenhangs zwischen erhöhtem Body-Mass-Index und Asthma.

Literaturverzeichnis:

1 Bergmann KC., et al. (2016) Current status of allergy prevalence in Germany. Position paper of the Environmental Medicine Commission of the Robert Koch Institute. Allergo J Int;25:6–10.

2 Langen U. et al. (2013) Häufigkeit allergischer Erkrankungen in Deutschland. Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1). Bundesgesundheitsbl;56:698–706.

3 Schmitz R. et al. (2014) Verbreitung häufiger Allergien bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Ergebnisse der KiGGS-Studie – Erste Folgebefragung (KiGGS Welle 1). Bundesgesundheitsbl; 57:771–778.

4 Schäfer T, et al. (2014) S3-guideline on allergy prevention – update 2014. Guideline of the German Society for Allergology and Clinical Immunology (DGAKI) and the German Society of Pediatrics and Adolescent Medicine. Allergo J Int;23:186–99.

5 Koletzko B., et al. (2016) Ernährung und Bewegung von Säuglingen und stillenden Frauen. Aktualisierte Handlungsempfehlung von „Gesund ins Leben – Netzwerk Junge Familie“, eine Initiative von IN FORM. Monatsschr Kinderheilkd DOI 10.1007/s00112-016-0147-2.

6 Moro G, et al. (2006) A mixture of prebiotic oligosaccharides reduces the incidence of atopic dermatitis during the first six months of age. Arch Dis Child;91(10):814-9.

7 Arslanoglu S, et al. (2008) Early dietary intervention with a mixture of prebiotic oligosaccharides reduces the incidence of allergic manifestations and infections during the first two years of life. J Nutr;138(6):1091-5.

8 Arslanoglu S, et al. (2012) Early neutral prebiotic oligosaccharide supplementation reduces the incidence of some allergic manifestations in the first 5 years of life. Biol Regul Homeost Agents.;26 (3 Suppl):49-59.

9 van Hoffen E, et al. (2009) A specific mixture of short-chain galacto-oligosaccharides and long-chain fructo-oligosaccharides induces a beneficial immunoglobulin profile in infants at high risk for allergy. Allergy;64(3):484-7.

10 Cuello-Garcia CA, et al. (2016) World Allergy Organization-McMaster University Guidelines for Allergic Disease Prevention (GLAD-P): Prebiotics. World Allergy Organization Journal;9:10.

11 Schäfer T. et al. S3-Leitlinie Allergieprävention – Update 2014. Allergo J Int 2014; 23: 186

12 Kramer, M., Kakuma, R. Maternal dietary antigen avoidance during pregnancy or lactation, or both, for preventing or treating atopic disease in the child. Cochrane Database Syst Rev 2006;3:CD000133

13 Muraro, A., Dreborg, S., Halken, S., Høst, A., Niggemann, B., Zeiger, R. Dietary prevention of allergic diseases in infants and small children. Part III: Critical review of published peer-reviewed observational and interventional studies and final recommendations. Pediatr Allergy Immunol 2004;15:291-307

14 Greer, F., Sicherer, S., Burks, A., American Academy of Pediatrics Committee on, N., American Academy of Pediatrics Section on Allergy and, I. Effects of early nutritional interventions on the development of atopic disease in infants and children: the role of maternal dietary restriction, breastfeeding, timing of introduction of complementary foods, and hydrolyzed formulas. Pediatrics 2008;121:183-91